Stimmen auf Lager. Tonaufnahmen von Internierten aus dem Zweiten Weltkrieg

Während des Ersten Weltkriegs produzierte eine eigens gegründete Königlich Preußische Phonographische Kommission aus Linguisten, Orientalisten, Afrikanisten und Musikwissenschaftlern mit Phonograph und Grammophon mehr als 2.500 Tonaufnahmen in deutschen Kriegsgefangenenlagern. Als Beispiele der Musik und Gesänge „fremder Völker“ sollten die Wachszylinder die Sammlung des Berliner Phonogrammarchivs erweitern. Die Beispiele von Sprachen und Dialekten der verschiedenen internierten Gruppen auf Wachsplatten dagegen sollten dazu dienen, ein „Sprachenmuseum“ aller Völker herzustellen. Die Sammlung bildete den Grundstock der 1920 eingerichteten Lautabteilung der Preußischen Staatsbibliothek und wurde als Institut für Lautforschung 1934 an die Berliner Universität übertragen.

Gegenstand meiner Untersuchung sind jene Tonaufnahmen, die unter der Zuständigkeit der Universität in den Jahren 1939 bis 1942 entstanden. In legitimierender Anknüpfung an die im Ersten Weltkrieg umgesetzte Idee der Herstellung von Tonaufnahmen in Lagern wurden auch im Zweiten Weltkrieg drei Forschungsprojekte in Lagern durchgeführt: So entstanden zur Erforschung von Fremdsprachen neuerlich Aufnahmen von afrikanischen Soldaten aus der französischen Armee, die als Kriegsgefangene im deutsch besetzten Teil Frankreichs interniert waren, aber auch von Soldaten aus der russischen Armee, welche in Brandenburger Lagern festgehalten wurden. Ein drittes Projekt stellte eine Erweiterung des Forschungsauftrags aus den 1920er Jahren dar, deutsche Dialekte in möglichst großer Varianz aufzunehmen: Im Jahr 1941 wurden die Mundarten von so genannten deutschen „Heimkehrern“ aus Galizien und Wolhynien in „volksdeutschen Lagern“ aufgenommen.

Das Forschungsprojekt zeichnet die bis heute nicht aufgearbeitete Geschichte dieser erhaltenen Tonsammlungen wissens- wie wissenschaftsgeschichtlich nach. Es stellt dabei nicht nur die Frage, wie Stimmen aus den Lagern ins Lager des heutigen Lautarchivs der Humboldt-Universität gelangten, sondern auch, welche strukturelle Beziehung zwischen den Gefangenen-, Internierungs-, Durchgangslagern und dem Stimmenlager im Archiv besteht. Stimme, Sprache und ihre technische Aufzeichnung wie Reproduktion bewegen sich in einem eminent politischen Kontext, den es mit Blick auf die Geschichte ebenso wie auf die Gegenwart zu befragen gilt.

DFG