Musik im Labor. Zu Hermann von Helmholtz' physiologischer Grundlegung der Musiktheorie

Das Projekt fragt nach dem Zusammenhang, wie er sich zwischen 1850 und 1900 zwischen der psychophysiologischen Erforschung des Hörens mit einer Kulturgeschichte des Hörens und insbesondere des Hörens von Musik ausbildet. Ausgangspunkt ist die Lehre von den Tonempfindungen als physiologische Grundlage für die Theorie der Musik von Hermann von Helmholtz, der darin zugleich eine physiologische Theorie des Hörens und eine Grundlegung der Musiktheorie entwickelt. Anstatt Die Lehre von den Tonempfindungen als eine Arbeit zu begreifen, die im Grunde getrennte Beiträge zu den unterschiedlichen Disziplinen Musikwissenschaft, Akustik, Physiologie, Psychologie verbindet und gleichsam nachträglich eine Ausdifferenzierung in „zwei Kulturen“ durch Interdisziplinarität zu heilen versucht, geht das Projekt davon aus, dass Helmholtz eine einheitliche und in sich geschlossene Konzeption vorstellt. Es fragt, inwieweit die Musik selbst als experimentelle Anordnung aufzufassen ist, die maßgeblich die Theoriebildung bei Helmholtz prägt. Für Helmholtz ist auch die Komposition, insofern sie ein eigenes Regelsystem ausbildet, von Versuchen geprägt: Es ist die vom Ohr durchgeführte Analysetätigkeit, mittels derer die Musiker und Komponisten entscheiden, in welche ästhetischen Zusammenhänge Klänge zu treten vermögen. Wenn Musik seit jeher eine Wissenschaft war und mit Versuchen arbeitete, so dringt mit Helmholtz die physiologische Forschung in ihr Gebiet ein. Die Auswahl und Zusammenstellung musikalischer Schallereignisse obliegt dem Ohr, das zugleich Messgerät und Organ ist. Musiktheorie und Komposition, so lässt sich Helmholtz’ Vorgehen zusammenfassen, werden als experimentell arbeitende Disziplinen betrachtet und reformuliert. Die Thesen, die Helmholtz dann über die Grundlagen der Musiktheorie aufstellt, lassen sich zwar mit den Postulaten der Musiktheorie vereinbaren, aber sie geben auch solchen Intervallen einen Ort, die in der Musik des 19. Jahrhunderts keinen Ort haben. Die Musik im Labor trifft auf andere Hörweisen, die in der Musikästhetik des 20. Jahrhunderts ihre Entfaltung finden werden.

DFG