Großmachttöne. Akustische Mobilisierung und politische Kommunikation im imperialen Berlin 1890-1918

Im Zuge der „Fundamentalpolitisierung“ (Hans-Peter Ullmann) und der Partizipation immer weiterer Bevölkerungsteile am politischen Geschehen seit Ende des 19. Jahrhunderts veränderten sich die Bedingungen des Politikmachens im Deutschen Reich schon vor dem Ende des Ersten Weltkriegs und der Einführung der parlamentarischen Demokratie im Jahr 1919. Die politischen Parteien und Bewegungen des Kaiserreichs setzten daher ebenso wie die Imperialpolitik Wilhelms II. und seiner Regierungen auch auf neuartige Formen der politischen Massenmobilisierung, wie sich etwa am populären Charakter der Flottenpolitik zeigen lässt. Berlin als Reichshauptstadt und „imperial city“ spielte dabei eine zentrale Rolle als Aufmarschplatz und Bühne der symbolischen Politik. Vor diesem Hintergrund untersucht das Projekt die unterschiedlichen Formen der akustischen Mobilisierung, die den öffentlichen Stadtraum zum Austragungsort politischer Auseinandersetzungen und Machtdemonstrationen machten. Dabei geht es zum einen um die akustische „Straßenpolitik“ (Thomas Lindenberger) in Form von Paraden, Aufmärschen, Kundgebungen und Demonstrationen. Zum anderen geht es um die Bedeutung der politischen Rede im öffentlichen Raum, bei Wahlkampfveranstaltungen ebenso wie bei politischen Festen und Feiertagen. Schließlich wird die akustische Mobilisierung während des Ersten Weltkriegs gesondert untersucht. Wie gestaltete sich das viel beschworene „Augusterlebnis“ in akustischer Hinsicht? Wie wurden zu Beginn und im weiteren Verlauf des Krieges Klänge an der Heimatfront bewusst zur Mobilisierung und Stärkung des Durchhaltewillens eingesetzt? Hierbei spielt auch die Regulierung der städtischen Musikkultur eine zentrale Rolle, die während des Krieges unter den Primat des Patriotischen gestellt wurde.

Wissenshistorisch ist diese Untersuchung der akustischen Politik relevant, weil mit der akustischen Gestaltung des öffentlichen Raums immer auch ein auditives Wissen über die politischen Herrschaftsverhältnisse verbunden war. Wer durfte sich in welcher Form öffentlich Gehör verschaffen? Wem wurde das Recht auf Lärm zugestanden und wem wurde es abgesprochen? Umgekehrt bedurfte es für die gezielte akustische Mobilisierung des Wissens über die Mechanismen auditiver Wahrnehmung. Im Rahmen des Projekts wird deshalb auch untersucht, inwieweit die politischen Akteure gezielt Wissen über Wirkungsweisen der öffentlichen Rhetorik, der emotionalen Wirkung von Musik und gemeinsamem Gesang etc. gesammelt und für ihre akustische Mobilisierung eingesetzt haben.

DFG